{"id":100,"date":"2023-12-16T15:01:36","date_gmt":"2023-12-16T14:01:36","guid":{"rendered":"https:\/\/dkpm.de\/?p=100"},"modified":"2025-02-21T09:42:06","modified_gmt":"2025-02-21T08:42:06","slug":"online-shoppen-chatten-internet-pornografie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dkpm.de\/en\/2023\/12\/16\/online-shoppen-chatten-internet-pornografie\/","title":{"rendered":"Online-Shoppen, Chatten, Internet-Pornografie"},"content":{"rendered":"\n<p>Digitale S\u00fcchte: Immer mehr Erwachsene suchen Hilfe<\/p>\n\n\n\n<p>Berlin \u2013 Nach Pandemie und Lockdowns suchen immer mehr Erwachsene mit digitalem Suchtverhalten psychosomatische Spezialambulanzen um Hilfe auf. Die Betroffenen verbringen acht bis zehn Stunden t\u00e4glich mit Chatten, sozialen Netzwerken, Computerspielen, Internet-Pornografie oder Online-Shopping und vernachl\u00e4ssigen wichtige Lebensbereiche \u2013 vielen droht Arbeitsplatzverlust, Trennung oder Verschuldung. Welche Wege aus der digitalen Sucht f\u00fchren, berichtete ein Experte am 26. April 2023 auf der Vorab-Online-Pressekonferenz zum Deutschen Kongress f\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.<\/p>\n\n\n\n<p>Spezialeinrichtungen wie die Ambulanz f\u00fcr Spielsucht an der Klinik und Poliklinik f\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universit\u00e4tsmedizin Mainz registrieren seit der Pandemie gestiegene Zahlen von Patientinnen und Patienten mit digitalen S\u00fcchten. \u201eW\u00e4hrend der Lockdowns brachen gewohnte Strukturen weg, und manche f\u00fcllten die Leerlaufzeiten mit Internetanwendungen, die sich zur Abh\u00e4ngigkeit entwickelten\u201c, berichtet Dr. sc. hum. Dipl.-Psych. Klaus W\u00f6lfling. \u201eSeit 2021 verzeichnen wir einen Zuwachs von 25 Prozent bei den Behandlungen von Erwachsenen im Alter von 30 bis 67 Jahren\u201c, erl\u00e4utert der Leiter der Ambulanz f\u00fcr Spielsucht. \u201eDie Pandemie hat wie ein Katalysator gewirkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Krisen und Konflikte sind Warnzeichen<\/strong><br>Bis in das Rentenalter reiche das Klientel, das jetzt behandelt werde. Gemein ist den Betroffenen der Kontrollverlust, ein Merkmal jeder Sucht. \u201eSie kommen in die Ambulanzen und sagen: Ich schaffe es nicht mehr, meinen Internetkonsum zu kontrollieren\u201c, so W\u00f6lfling. Viele berichten \u00fcber die zwanghafte Angst, etwas zu verpassen, die \u201eFear of missing out\u201c (FOMO). \u201eAbh\u00e4ngige k\u00f6nnen dann etwa nicht mit dem Egoshooter aufh\u00f6ren, weil sie f\u00fcrchten, ihren Spielstand zu verlieren und aus Spielergruppen herauszufallen\u201c, erl\u00e4utert der Psychologe. Es kommt zur Vernachl\u00e4ssigung von Beziehung oder Arbeit, zu Krisen und Konflikten. \u201eSolche negativen Ver\u00e4nderungen sind deutliche Warnzeichen f\u00fcr ein Suchtverhalten\u201c, so W\u00f6lfling.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hirn-Scans zeigen Dopaminsch\u00fcbe bei Likes<\/strong><br>Aktuelle Zahlen, wie viele Menschen unter digitalen S\u00fcchten leiden, liegen nicht vor \u2013 die letzte repr\u00e4sentative Studie stammt aus 2011 und identifizierte ein Prozent der Bev\u00f6lkerung. Wissenschaftlich ist Suchtverhalten jedoch klar umrissen. \u201e\u00dcber mindestens zw\u00f6lf Monate m\u00fcssen f\u00fcnf oder mehr von insgesamt neun psychischen Kriterien erf\u00fcllt sein\u201c, erl\u00e4utert W\u00f6lfling. Auch best\u00e4tigen Hirn-Scans, dass die Internetaktivit\u00e4t das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert \u2013 ein typisches Suchtmuster. \u201eWir sehen im Ergebnis von fMRT-Studien den Dopaminschub, wenn ein Like auf einen Post erfolgt oder bei Nach-richten das blaue H\u00e4kchen f\u00fcr \u201agelesen\u2018 erscheint\u201c, berichtet der Psychologe. \u201eDiese Erregung wird immer wieder gesucht, es entsteht ein Teufelskreis.\u201c Inzwischen sind Internet-, Computer- oder Gl\u00fccksspielsucht im ICD-11 als Suchterkrankungen aufgenommen worden und damit der Kokain- oder Alkoholabh\u00e4ngigkeit gleichgestellt. Im Jahr 2023 soll dies auch f\u00fcr Deutschland gelten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rentner*innen werden oft aus Einsamkeit internets\u00fcchtig<\/strong><br>Es gibt Pr\u00e4ferenzen bei digitalen S\u00fcchten. Bei der Generation Y etwa, den zwischen 1980 und 1999 Geborenen, sind vor allem Online-Rollenspiele und Egoshooter beliebt. \u201eSie sind mit diesen Spielen aufgewachsen\u201c, berichtet W\u00f6lfling. Generell nutzen M\u00e4nner tendenziell h\u00e4ufiger Online-Pornografie, Computer- oder Gl\u00fccksspiele, w\u00e4hrend bei Frauen eher Online-Kaufsucht, Gl\u00fccksspiele, soziale Netzwerke und Messenger dominieren. \u201eIm Rentenalter ist Einsamkeit ein gro\u00dfer Treiber f\u00fcr Digitals\u00fcchte, dann wird \u00fcber Spiele ein soziales Netzwerk gefunden\u201c, stellt W\u00f6lfling fest. Dass sich eine Sucht entwickelt hat, f\u00e4llt h\u00e4ufig den Kindern der Rentner*innen auf. \u201eSie registrieren, dass die Eltern nicht mehr abwaschen oder einkaufen gehen\u201c, schildert der Mainzer Diplompsychologe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ruhephasen einhalten \u2013 \u201eeine der wichtigsten Aufgaben in unserer digitalen Zeit\u201c<\/strong><br>Klaus W\u00f6lfling empfiehlt zur Pr\u00e4vention, auf ausgedehnte Ruhephasen zu achten \u2013 und das nicht nur zur Schlafenszeit. \u201eWir ben\u00f6tigen Ruhephasen f\u00fcr unsere gesundheitliche und seelische Balance\u201c, sagt der Wissenschaftler. \u201eDiese Phasen f\u00fcr sich selbst zu finden und umzusetzen, ist sicherlich eine der wichtigsten Aufgaben in unserer modernen digitalen Zeit.\u201c Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen Apps wie \u201eOne Sec\u201c sinnvoll sein, die der Nutzung sozialer Netzwerke vorgeschaltet werden. \u201eSie ploppen auf, wenn man in das soziale Netzwerk eintauchen will und rufen uns die M\u00f6glichkeit in Erinnerung, statt digitaler Ablenkung einfach mal Langeweile oder Einsamkeit zu ertragen\u201c, sagt W\u00f6lfling. \u201eDiese Zu-st\u00e4nde sind nichts Negatives. Es ist wichtig, sie aushalten zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Station\u00e4rer Entzug bei starkem Suchtverhalten<\/strong><br>Bei stark ausgepr\u00e4gtem Suchtverhalten ist eine station\u00e4re Therapie angebracht, die meist sechs bis acht Wochen dauert. \u201eIn solchen F\u00e4llen kann dem Suchtverhalten nicht mehr im h\u00e4uslichen Umfeld begegnet werden, die Patient*innen m\u00fcssen erst einmal vom Medium Internet entzogen werden\u201c, betont W\u00f6lfling. Dabei k\u00f6nnen Entzugserscheinungen wie Schlafst\u00f6rungen, innere Unruhe, Gereiztheit und Aggressivit\u00e4t auftreten. \u201eH\u00e4ufig kommen erst in der Abstinenz die eigentlichen Probleme zum Vorschein, die hinter der Internetsucht liegen \u2013 soziale Unsicherheiten oder Versagens\u00e4ngste beispielsweise\u201c, sagt W\u00f6lfling.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sexualit\u00e4t ohne pornografisches Bildmaterial ausleben<\/strong><br>Ob station\u00e4re oder ambulante Therapie \u2013 Ziel ist die Abstinenz. \u201eDamit ist nicht die komplette Abstinenz vom Internet gemeint, das w\u00e4re ja auch v\u00f6llig lebensfremd\u201c, erkl\u00e4rt W\u00f6lfling. \u201eSondern die Abstinenz vom Problemverhalten.\u201c Die Patientinnen und Patienten lernen beispielsweise, Sexualit\u00e4t ohne Internet-Pornografie zu leben, in Form partnerschaftlich gelebter Sexualit\u00e4t oder Selbstbefriedigung ohne Bildvorlage. \u201eDaf\u00fcr nutzen wir Verhaltens- und Gruppentherapie\u201c, so W\u00f6lfling. \u201eWir konnten in Mainz in einer randomisiert kontrollierten Studie wissenschaftlich sehr gute Effekte einer derartigen Therapie nachweisen.\u201c Die Multicenter-Studie zeigt, dass die Behandlung es 10-fach wahrscheinlicher macht, am Ende abstinent und zufriedener zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbsttest zum Computerspiel-Verhalten<br>Auf jeden Fall sollten Betroffene professionelle Hilfe suchen \u2013 etwa in einer Suchtberatung oder bei einem Arzt oder Psychologen, r\u00e4t der Experte. \u201eEs sollte eine Einsch\u00e4tzung erfolgen, ob wir es noch mit problematischem oder schon mit Suchtverhalten zu tun haben\u201c, sagt W\u00f6lfling. Weitere Informationen, darunter auch ein Selbsttest zum Computer-spiel, unter: Klinik und Poliklinik f\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie &#8211; Schwerpunkt Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie | Psychosomatik \u00bb Klinische Partner \u00bb Poliklinik und Hochschulambulanzen \u00bb Ambulanz f\u00fcr Spielsucht (unimedizin-mainz.de)<br>Der Deutsche Kongress f\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie findet vom 3. bis 5. Mai 2023 in der Urania Berlin e.V. statt. Weitere Informationen:&nbsp;<a href=\"https:\/\/deutscher-psychosomatik-kongress.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/deutscher-psychosomatik-kongress.de\/<\/a><br>Bei Abdruck Beleg erbeten.<br>Kontakt f\u00fcr Journalist*innen:<br>Deutscher Kongress f\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie<br>Pressestelle<br>Kerstin Ullrich<br>Postfach 30 11 20<br>70451 Stuttgart<br>Tel.: 0711 8931-641<br><a href=\"mailto:ullrich@medizinkommunikation.org\">ullrich@medizinkommunikation.org<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-fill\"><a class=\"wp-block-button__link has-white-color has-primary-400-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-element-button\" href=\"https:\/\/dkpm.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20230427_PM_Psych-Kongress_neue_Suechte_2023.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pressemitteilung<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Digitale S\u00fcchte: Immer mehr Erwachsene suchen Hilfe Berlin \u2013 Nach Pandemie und Lockdowns suchen immer mehr Erwachsene mit digitalem Suchtverhalten psychosomatische Spezialambulanzen um Hilfe auf. 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