{"id":617,"date":"2022-11-12T10:58:51","date_gmt":"2022-11-12T09:58:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dkpm.de\/?p=617"},"modified":"2024-02-19T14:07:09","modified_gmt":"2024-02-19T13:07:09","slug":"long-covid-wo-bleibt-die-psychosomatik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dkpm.de\/en\/2022\/11\/12\/long-covid-wo-bleibt-die-psychosomatik\/","title":{"rendered":"Long Covid \u2013 wo bleibt die Psychosomatik?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Debatte dar\u00fcber, was die zum Teil ausgepr\u00e4gten Beschwerden verursacht, an denen Menschen nach durchgemachter Covid-19-Infektion leiden und die mit Begriffen wie Long und Post Covid bezeichnet werden, sind heftig. Sehr viele Betroffene, Selbsthilfegruppen und auch Mediziner vertreten vehement einseitig biologische Ursachenvorstellungen, verbunden mit manchmal geradezu h\u00f6hnischer Ablehnung psychosomatischer Aspekte dieses Beschwerdesyndroms. Es gibt dabei Parallelen zur Debatte um Myalgische Encephalomyelitis\/ Chronic Fatigue Syndrom (ME\/ CFS), es wird auch davon gesprochen, dass viele Patienten mit Long Covid auch an ME\/ CFS leiden. Leider finden diese Stimmen auch medial erhebliche Aufmerksamkeit, werden z.B. von E.v. Hirschhausen propagiert. Das Ganze ist kein spezifisch deutsches Ph\u00e4nomen, findet in vergleichbarer Weise in vielen L\u00e4ndern statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Psychosomatische Mediziner ist uns klar, dass im Erleben anhaltend belastender K\u00f6rperbeschwerden, wie beim Long Covid Syndrom, neben m\u00f6glichen, ggf. noch unentdeckten biologischen, z.B. immunologischen Faktoren IMMER auch psychosoziale Faktoren mitbestimmend sind, angefangen mit Aufmerksamkeits- und Erwartungseffekten \u00fcber psychische Komorbidit\u00e4ten und pers\u00f6nlichkeitsstrukturelle Faktoren, bis hin zu aktuellen und biographischen Stressoren. In diesem biopsychosozialen Verst\u00e4ndnis ist Long Covid als ein funktionelles somatisches Syndrom anzusehen. Wir wissen aber auch, dass wir mit unseren \u00fcberholten Modellen zur rein psychogenen Verursachung solcher K\u00f6rperbeschwerden historisch viel Angriffsfl\u00e4che geboten haben f\u00fcr die in der heutigen Debatte oft polemisch eingesetzte, schlicht falsche Gleichsetzung von psychosomatisch und psychogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber tun wir, um den verk\u00fcrzenden und verf\u00e4lschenden, zum Teil verunglimpfend anti-psychosomatischen \u00c4u\u00dferungen nicht nur intern zu widersprechen, sondern auch (fach-)\u00f6ffentlich etwas entgegenzusetzen? Hier gibt es verschiedene Ebenen: zum einen vertreten Psychosomatikerinnen und Psychosomatiker unsere Sicht zu Long Covid in bundesweiten interdisziplin\u00e4ren Forschungsprojekten und \u2013verb\u00fcnden, ein gro\u00dfes multizentrisches Verbundprojekt zu Long Covid (PsyLoCo, Sprecherin Dr. C. Allwang, M\u00fcnchen) ist von der Psychosomatik aus koordiniert. Es wurden von Essener und Hamburger Gruppen auch bereits interdisziplin\u00e4re Studien mit psychosomatischer Federf\u00fchrung bzw. Beteiligung publiziert (Fleischer et al. 2022, Engelmann et al. 2022), die die Bedeutung psychosozialer Faktoren f\u00fcr das Risiko, an Long Covid zu erkranken, bzw. f\u00fcr das Krankheitsbild selbst betonen. In einem gro\u00dfen Artikel der S\u00fcddeutschen Zeitung zu Long Covid Anfang September wurden psychosomatische Experten und Sichtweisen so deutlich pr\u00e4sentiert, dass sich der Autor einem erheblichen Shitstorm der Anh\u00e4nger rein biologischer Sichtweisen ausgesetzt sah (Bartens 2022). Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Bundestags wurden auch kontaktiert und mit Material zu den Themen versorgt.<br>Da die heftig anti-psychosomatischen und auch anti-psychotherapeutischen Haltungen traditionell in der Gruppe der ME\/ CFS \u2013Verfechter besonders ausgepr\u00e4gt sind, ist es wichtig, dass auch hier die Psychosomatik Flagge zeigt. So wurde die AWMF-S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Allgemeinmedizin zu M\u00fcdigkeit von verschiedenen Patientenselbsthilfegruppen und medizinischen Verfechtern des biologischen ME\/ CFS-Konzepts so stark gepr\u00e4gt, dass dort z.B. beim Vorliegen von ME\/ CFS von Psychotherapie und gestufter Aktivierung als Behandlungsform aktiv abgeraten wurde. Auf Initiative von DGPM und DKPM wurde daraufhin ein auch von der DGPPN und der DGIM (Innere Medizin) mitgetragenes Sondervotum verfasst, das diesen Sichtweisen widerspricht und das Eingang in die Leitlinie findet. Mitglieder der DGPM sind auch Koautoren bei einer internationalen Publikation mit mehr als 50 Koautoren, in der gravierende methodische Fehler der Leitlinie zu ME\/ CFS, die die englische Leitlinienorganisation NICE im letzten Jahr ver\u00f6ffentlicht hat und auf die sich viele Verfechter der biologischen Sichtweisen beziehen, dargestellt werden. Auch zu einem Vorbericht des IQWiG zu ME\/ CFS, der sich stark auf die NICE-Leitlinie st\u00fctzt, zum Gl\u00fcck aber eigene, f\u00fcr Psychotherapie und gestufte Aktivierung etwas g\u00fcnstigere Schlussfolgerungen zieht, nehmen DGPM und DKPM mit dem Ziel Stellung, dass in der dortigen Bewertung der Nutzen von Psychotherapie noch deutlicher betont wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch mehr Aktivit\u00e4t w\u00e4re sicher w\u00fcnschenswert, st\u00f6\u00dft aber an Grenzen von zeitlichen und menschlichen Ressourcen. Immerhin: wir wollten zeigen, dass die Psychosomatische Medizin ihre Stimme durchaus an verschiedenen Stellen erhebt \u2013 und wir wollen Ihnen, liebe Kollegin, lieber Kollege, Mut machen, dies in ihrem Umfeld auch zu tun, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Das sind wir unserm Fach, vor allem aber auch den betroffenen Patienten und Patientinnen schuldig.<\/p>\n\n\n\n<p>Bartens W. Was z\u00e4hlt mehr: Laborwerte oder subjektives Krankheitserleben. S\u00fcddeutsche Zeitung vom 9.9.2022.<\/p>\n\n\n\n<p>Engelmann P, L\u00f6we B, Brehm TT, Weigel A, Ulrich F, Addo MM, Schulze zur Wiesch J, Lohse AW, Toussaint A. Risk factors for worsening of somatic symptom burden in a prospective cohort during the COVID-19 pandemic. Front Psychol 2022; 13:1022203.<\/p>\n\n\n\n<p>Fleischer M, Szepanowski F, Tovar M, Herchert K, Dinse H, Schweda A, Mausberg AK, Holle-Lee D, K\u00f6hrmann M, St\u00f6gbauer J, Jokisch D, Jokisch M, Deuschl C, Skoda EM, Teufel M, Stettner M, Kleinschnitz C. Post-COVID-19 Syndrome is Rarely Associated with Damage of the Nervous System: Findings from a Prospective Observational Cohort Study in 171 Patients. Neurol Ther. 2022 Dec;11(4):1637-1657.<\/p>\n\n\n\n<p>White P et al. Eight major errors in the review process and interpretation of the evidence in the NICE guideline for chronic fatigue syndrome and myalgic encephalomyelitis. JNNP 2022, in review.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Henningsen, M\u00fcnchen<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte dar\u00fcber, was die zum Teil ausgepr\u00e4gten Beschwerden verursacht, an denen Menschen nach durchgemachter Covid-19-Infektion leiden und die mit Begriffen wie Long und Post Covid bezeichnet werden, sind heftig. 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